Vom Umgang mit Obdachsuchenden + „shelter from the storm“

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Wenn ich im Folgenden vom Obdachlosen spreche, meine ich nicht nur den tatsächlichen Obdachlosen, sondern auch all jene, die aus irgendeinem Grund nicht Deinem eigenen Lebensideal entsprechen. Es geht um Menschen, die Du aus welchen Gründen auch immer, in einer ersten Reaktion eher ablehnen würdest als sie zu Dir nach Hause einzuladen. Wie es wohl wäre, wenn wir andere so annehmen würden, wie wir selbst angenommen werden wollen?

„Der Obdachlose“ muss jetzt herhalten, weil wir alle die Situation kennen einen Obdachlosen zu treffen.

Vom Umgang mit Obdachsuchenden

Stell Dir vor Dir kommt jemand entgegen, der offensichtlich obdachlos ist. Er hat seinen Besitz in Plastiktüten gepackt, die Kleidung ist weder sauber noch schick, und beladen schlurft er Dir entgegen. Er ist aufdringlich, nicht weil er Dir wirklich zusetzen würde, sondern einfach weil er ist, wie er ist. Er stinkt, wankt unter seiner Last, ist verwahrlost.

Du hast jetzt alle Möglichkeiten der Welt auf ihn zu reagieren, im Wesentlichen aber zwei:

1. Ablehnung und Abgrenzung

Du willst mit ihm und seinem Zustand nichts zu tun haben. Nimmst innerlich Abstand, was Dir anzumerken ist, denn Du weichst aus so weit es nur geht, schaust angewidert oder an ihm vorbei. Bist Du mit jemandem anderen unterwegs, dann bringst Du Deine Ablehnung auch in Worten zum Ausdruck.

Warum?

Du machst das, weil Du nicht angebettelt werden willst oder fürchtest angegriffen zu werden. Und aus einem Selbstschutz heraus, den Du nicht nur in diesem Moment für notwendig hältst. Du lehnst diesen Menschen ab, weil Du selbst nicht so werden willst.

Diese Reaktion ist naheliegend und vermutlich versteht sie jeder und würde Dich darin bestärken. Aber sie ist nicht zufriedenstellend. Denn Du hast eine Gelegenheit verpasst, das Jetzt zu genießen. Du hast einen Moment des Abgrenzens und Verhinderns zugelassen, der nicht nur den anderen herabwertet, sondern auch Dich. Du hast keine Größe bewiesen. Du hast Dich nicht über die Angst erhoben, sondern hast Dich ihr unterworfen.

Dein gesellschaftlich ausgegrenzter Gegenüber hat, so scheint es, schon lang verloren. Und Du hast diesen Zustand zementiert, so wie vor und nach Dir schon viele andere. Und er kommt da nicht mehr raus. Nicht mal für diesen einen kurzen Augenblick, weil Du ihn nicht ermöglicht hast.

So kann Eure Begegnung ablaufen. Oder halt anders, und zu diesem anders ermutige ich Dich, weil ich denke, dass wir einander mit Respekt begegnen, uns gegenseitig im Guten bestärken sollten zu Stärke, Schönheit, Weisheit, Freiheit. Wir sollten einander wachsen lassen und vom Unkraut des Lebens befreien, um ein Bild aus dem Garten aufzugreifen.

So kann es nämlich auch laufen:

2. Annehmen und Gestalten

Du bist Dir bewusst, dass Du mit dem Zustand dieses Menschen nichts zu tun haben willst. Vermutlich genauso wenig wie er, denn die meisten Menschen sind in Lebensumständen, die ihnen weder gefallen noch gut tun. Jeder ist in irgendeiner Weise obdachlos. Und jeder sehnt sich danach dennoch, oder gerade deshalb, geliebt und angenommen zu werden. Das ist Eure große Gemeinsamkeit, und die zählt viel mehr als alles Trennende.

Deshalb grenzt Du Dich nicht ab. Du nimmst innerlich Kontakt auf, was Dir anzumerken ist, denn Du weichst nicht aus, schaust nicht angwidert, sondern freundlich. Bist Du mit jemandem anderen unterwegs, dann bringst Du keine Ablehnung zum Ausdruck, nicht in Worten, nicht in Blicken. Du lästerst nicht.

Warum?

Du machst das aus dem Bewusstsein heraus, dass nichts so sehr zählt wie der Augenblick, den Du gerade erlebst. Du lehnst diesen Menschen nicht ab, weil er in diesem Moment Teil Deines Lebens ist und Du Dein eigenes Leben nicht ablehnst, sondern annimmst, gestaltest und genießt. Du magst seinen Zustand nicht mögen. Aber ihn selbst respektierst Du, und Du gibst diesem, wie jedem Moment, die Chance der schönste Deines und vielleicht auch seines Lebens zu werden.

Vielleicht lächelt Ihr einander an. Vielleicht auch nicht. In jedem Fall aber fügt Ihr dieser Welt keinen Moment der Abneigung hinzu, sondern einen Moment der Freundlichkeit und des Respektes.

Du fühlst Dich nicht überlegen, nicht bedroht, nicht angegriffen, und er sich nicht unterlegen, bedroht, angegriffen, sondern zu zweit seid Ihr stark und gut und richtig.

Ihr habt in diesem Moment beide gewonnen. Nicht an Status oder Meriten, sondern an Würde, Kraft, Schönheit, Weisheit, Liebe.

Ich schreibe das, weil mich der Zuspruch umtreibt, den aktuell die politischen Aus- und Abgrenzer erfahren. Ich denke, dass ihr Erfolg auf Ängsten beruht und ich weiß, aus eigener Erfahrung, dass Ängste der allerschlechteste Ratgeber sind. Aber ich vertraue tief auf die Liebe und den liebenden Umgang miteinander. Das wird auch dann überstehen, selbst wenn die Welt in Schutt und Asche gelegt wird.

Wir gestalten Momente der Liebe, unterlassen Momente des Schlechtredens und -denkens, sind respektvoll uns selbst und anderen gegenüber, und zelebriern es, aus eigentlich Nichts das Allergrößte zu machen.

Ich wünsche Dir Obdach bei jemandem. Und dass Du für jemanden Obdach bist.

„Shelter from the storm“ von Bob Dylan

Welchen Musiktext lernt Ihr gerade auswendig? Ich den hier von Bob Dylan, 1974 entstanden.

‚Twas in another lifetime, one of toil and blood
When blackness was a virtue the road was full of mud
I came in from the wilderness, a creature void of form

Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

 

And if I pass this way again, you can rest assured
I’ll always do my best for her, on that I give my word
In a world of steel-eyed death, and men who are fighting to be warm
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

 

Not a word was spoke between us, there was little risk involved
Everything up to that point had been left unresolved
Try imagining a place where it’s always safe and warm

Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

 

I was burned out from exhaustion, buried in the hail
Poisoned in the bushes an‘ blown out on the trail
Hunted like a crocodile, ravaged in the corn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Suddenly I turned around and she was standin‘ there
With silver bracelets on her wrists and flowers in her hair
She walked up to me so gracefully and took my crown of thorns
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Now there’s a wall between us, somethin‘ there’s been lost
I took too much for granted, I got my signals crossed
Just to think that it all began on an uneventful morn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Well, the deputy walks on hard nails and the preacher rides a mount
But nothing really matters much, it’s doom alone that counts
And the one-eyed undertaker, he blows a futile horn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

I’ve heard newborn babies wailin‘ like a mournin‘ dove
And old men with broken teeth stranded without love
Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

In a little hilltop village, they gambled for my clothes
I bargained for salvation and she gave me a lethal dose
I offered up my innocence I got repaid with scorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Well, I’m livin‘ in a foreign country but I’m bound to cross the line
Beauty walks a razor’s edge, someday I’ll make it mine
If I could only turn back the clock to when God and her were born
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Viele Grüße aus dem Garten

Maria

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