Die gierschige Seite des Lebens

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Mit diesem „eigentlich“ in der Definition von Duden Online geht es los: „Giersch, der: mittelhochdeutsch, althochdeutsch giers, gers, eigentlich = (Un)kraut“.

Denn eigentlich ist der Giersch ein (Un)kraut. Aber ich habe gemerkt, dass wir alle so eine Art Giersch kennen. Und dass wir uns sehr darin unterscheiden, wie wir mit ihm umgehen.

1. Mein Freund, der Giersch

Die Freunde des Giersch bezeichnen ihn als Wildkraut und bereiten ihn liebevoll zu.

Sie servieren ihn roh im Salat oder gekocht als Füllung einer Tarte. Verwenden ihn als Gewürz in der Suppe oder für die Zubereitung eines erfrischenden Sommergetränkes. Sie loben ihn wegen seiner entwässernden Wirkung und schwören auf Frühlingskuren mit Giersch, die ihre Körper reinigen. Manche Freunde des Giersch präsentieren ihn auf youtube in Videos, verfassen in Internetforen Loblieder und wettern gegen chemische Keulen. Manche Freunde des Giersch ignorieren ihn auch einfach wohlwollend. Bayerisch ausgedrückt ist das die „Ja mei“-Haltung.

Kennt ihr einen Freund des Giesches oder seid ihr gar einer?

Dann seid ihr bei mir genau richtig, denn ich gebe neue Anregungen für Salate, Suppen, warme Gerichte und kühle Getränke, und manchmal oft es in meinem Garten auch rein gar nicht um Giersch (wen der Name nervt, man kann ihn auch „Wilde Angelika“ nennen.)

 

2. Kampf gegen den Giersch

Die Feinde des Giersch bezeichnen ihn als Unkraut. Es gibt die friedfertigen Feinde, die an ihm ein wenig herzumzupfen und anderen ein wenig hinjammern, was da in ihrem Garten wuchert.

Die resoluten Feinde des Giersch säbeln mit dem Rasenmäher über den Giersch hinweg,  graben ganze Beete, Gärten, Parkanlagen auf der Suche nach unerwünschten Gierschwurzeln um. Sie präsentieren die erlegte Beute in Eimern, so wie Jäger eine Strecke erlegten Wildes.

Und die militanten Gierschfeinde scheuen nicht Round up noch Gierschfrei, die ganz große Kemiecheule, äh, Chemiekeule, um ein für allemal Ruhe zu haben.

Kennt ihr einen Feind des Giersches oder seid ihr gar einer?

Dann seid ihr bei mir genau richtig, denn ihr findet bei mir Ansätze der resoluten Gierschfeindschaft. Ich grabe um, grabe aus und verbünde mich mit pflanzlichen Gierschgegnern wie Buschbohne und Kartoffel. Beides habe ich im Jahre Eins meiner Gierschzeit gepflanzt und ihm schon ein ganzes Beet abgeluchst. Ja, ein ganzes Beet und ich bin ziemlich stolz. Chemiekeulen verwende ich nicht.

 

3. Nicht Freund, nicht Feind

Auch wenn es sich die Zugehörigen zu 1) und 2) nicht vorstellen können. Moment: Setzt Euch bitte. Sitzt ihr?  Gut, ihr müsst jetzt stark sein:

Es gibt Menschen, die Giersch nicht kennen. Ja. Denn manche haben aus finanziellen oder zeitlichen Gründen – jetzt müsst ihr ganz stark sein – gar keinen Garten.

(Und ja, man kann auch sehr gut ohne Garten leben. Das mag das eine oder andere vorwiegend auf dem Land anzutreffende Lebewsen überraschen. Aber wenn man keinen Garten hat, dann geht man in den Park oder zu anderen in den Garten oder an den See oder in den Wald oder auf den Balkon, oder die ganz Sehnsüchtigen säen Kresse. Das weiß ich nicht nur vom Hörensagen oder einem Freund meiner Facebook-Freunde, sondern aus 30 Jahren eigener Erfahrung. Für manchen der Kategorie 2) wäre übrigens ein Leben ohne Garten gesünder.)

Manche haben einen Garten, aber in Gefilden, in denen sich selbst der Giersch nicht wohl fühlt. Manche haben einen Garten, sind aber mit ihm zufrieden so wie er ist, ohne einen Anspruch an seine Gestaltung oder den Ertrag. Der Garten ist ihnen – negativ ausgedrückt – egal. Positiv ausgedrückt brauchen sie nicht mehr als ein bisschen Grün um sich, während sie lesen oder essen oder planschen oder was man halt so macht im Garten, wenn man gerade nicht damit beschäftigt ist, den Giersch zu bejubeln oder zu verwünschen.

Die Unwissenden haben einen großen Vorteil: Sie können sich ohne parteiisch zu werden amüsieren über den Enthusiasmus, mit dem die Freunde und Feinde des Giersches sich ihrem Objekt der Begierde widmen, wie jene mit lautem „Halli-Hallo!“ oder „Halla-Li!“ in den Garten stürmen, um zu ernten. Oder zu rupfen. Um Oden zu singen. Oder das Roden zu beginnen.

Kennt ihr einen unwissenden Novizen des Giersches oder seid ihr gar einer?

Dann seid ihr bei mir genau richtig, denn ich bin der Meinung, dass es auf dieser Welt Wichtigeres gibt als den Giersch und dass die Welt keinen neuen -ismus braucht, keinen „Gierschismus“.

Es gibt ein Leben vor dem Giersch, nach dem Giersch. Und es gibt auch ein Leben mit dem Giersch. Und davon berichtet dieser Blog eigentlich.

 

4. Die gierschige Seite des Lebens

Denn man kann den Giersch auch abstrahieren, ihn sehen als Symbol für Dinge, die man ganz annehmen kann, ganz ablehnen, oder die einem wohlwollend egal sind. Wir haben alle Gierschiges in unserem Leben, zu dem wir uns positionieren müssen.

Was das sein kann?

Eine Krankheit, die beschlossen hat uns zu begleiten, vielleicht sogar chronisch unser ganzes weiteres Leben. Krebs fragt nicht nach, ob wir ihn wollen, multiple Sklerose ruft nicht an, ob es gerade passt, Parkinson schaut nicht auf die Uhr, dass es schon spät wäre und sie wegmüsse. Die bleiben und legen die Füße auf den Tisch!

Eine Charaktereigenschaft, die sich herausgebildet hat und von der wir nicht wissen, ob sie gut ist oder nicht. Oder ganz genau wissen, dass sie nicht gut ist und eigentlich Schönes überwuchert.

Und es gibt Menschen, die uns durchs Leben begleiten, obgleich unsere Freude darüber nicht uneingeschränkt sein mag. Klassenkameraden, Kollegen, Nachbarn, neuerdings Terroristen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit denen wir aber klar kommen müssen.

Wie gehen wir mit den Variatonen von Giersch in unserem Leben um? Und können wir etwas finden und kultivieren, das stärker ist als jeder Giersch?

Kennt Ihr diese Fragen, tragt Ihr sie auch in Euch?

Dann seid ihr bei mir genau richtig.

 

Viele Grüße aus dem Garten

Maria

P.S.: Verlinkt im Sonntagsblatt, Ausgabe 2,

Initiiert von Raumseele Martina Goernemann

Symbolbild_Raumseele

 

 

 

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